Den Süden der Lüneburger Heide und niedersächsische Städte galt es zu entdecken während der siebentägigen Herbstreise der Arbeiterwohlfahrt Merkstein. 36 Freundinnen und Freunde der AWO erlebten eine Fülle neuer Eindrücke, eine gelungene Mischung aus Kultur und Natur.

Einige Reisende bei der Stadtführung in Gifhorn.

Löwenstadt

Die Stadt Braunschweig, die Heinrich der Löwe im 12. Jahrhundert zu seiner Residenz machte, ist eine quirlige und dennoch überschaubare, im Altstadtzentrum gemütliche Großstadt. Im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört (die Rüstungsindustrie war das Ziel), haben mutige Planer beim Wiederaufbau die sogenannten Traditionsinseln geschaffen.

Wo der Krieg in die von Fachwerk geprägte Stadt Lücken gerissen hatte, wurden historische Bauwerke und Straßenzüge mit historischen Häusern aus anderen Straßen ergänzt. Der damalige Landeskonservator Kurt Seeleke und der Stadtarchitekt Friedrich Wilhelm Kremer setzten sich gegen die Kritik durch, hier werde ein Freilichtmuseum geschaffen und sicherten so ein stimmiges Gesamtbild der historischen Altstadt.

Der Löwe von Braunschweig.

 

Heute genießt man den Bummel durch die Fußgängerzone zwischen Burg Dankwarderode, Dom St. Blasius mit dem Grab Heinrichs des Löwen und seiner Gemahlin Mathilde, dem Löwendenkmal bis zum Altstadtmarkt, dem schönen Altstadtrathaus, dem imposanten Gewandhaus und den lebendigen Straßen mit guten Geschäften, Cafés und Restaurants. Traditionsinseln wurden auch geschaffen im Bereich mehrerer Stadtkirchen, so zum Beispiel das Aegidien-Viertel. Hier ist die Ruine der Kirche eindrucksvolles Mahnmal mitten im Stadtgetriebe. Braunschweig, traditionsbewusst und modern, ist einen Besuch wert.

Südheide

Bei einer sechsstündigen Rundfahrt erlebten die AWO-Freunde die überraschende Vielfalt der Südheide. Gästeführerin Brigitte Preiß erläuterte sachkundig und lebendig die Besonderheiten und Strukturen der Region. Zunächst ging es ins Große Moor bei Gifhorn. Langgezogene Straßendörfer sind charakteristisch. Neudorf-Platendorf – das Dorf mit der längsten Ortsdurchfahrt in Niedersachsen. Eine sechs Kilometer lange schnurgerade Dorfstraße. „Das sind Pendlerdörfer“, sagte B. Preiß und machte die schwierige Erwerbssituation deutlich.

 

Auch nach ihrer Blüte ist die Heide landschaftlich schön.

 

Das Abtorfen und Trockenlegen großer Moorflächen ist Vergangenheit. Heute heißt das Ziel: Wiedervernässung des Moores und Renaturierung dieses bedeutenden Ökosystems. Durch schöne niedersächsische Heidedörfer ging die Fahrt. Ein wichtiger Arbeitgeber ist die Firma Butting in Knedebeck, 1700 Mitarbeiter, Edelstahlverarbeitung und Rohrleitungsbau, Familienunternehmen in siebter Generation.

Dorfcharakter

Einen ganz anderen Dorfcharakter vermittelte der Rundling Eutzen, ein Ortsteil der Brauereistadt Wittingen. Bauernhöfe rund um den Dorfplatz, Feldsteinkirche aus dem 14. Jahrhundert, nur eine Zufahrt. Rundlinge im Wendland sind wahrscheinlich slawischen Ursprungs. Eutzen allerdings wurde von Heinrich dem Löwen (12. Jht.) planmäßig angelegt.

Mittagspause im Otterzentrum am Isenhagener See bei Hankensbüttel. Hier kann man Otter, Dachs, Marder und ihre Verwandten in freier Natur erleben. Der Isenhagener See, ein stilles Refugium, durch Ausbaggern künstlich angelegt. Über mehrere hundert Jahre gab es hier Fischteiche des nahegelegenen  Zisterzienserrinnen-Klosters Isenhagen. Hankensbüttel mit seiner Wehrkirche St. Pankratius aus dem 10. Jahrhundert schaut, wie fast alle Gemeinden dieser Region, auf eine lange Geschichte zurück.

Autoindustrie

Heute ist das Erwerbsleben der Region auf die Volkswagen AG im nahen Wolfsburg ausgerichtet. Direkt als Arbeitnehmer oder in Betrieben der Zulieferer-Industrie.

Bewundernswert, wie sich diese kleinen liebevoll gepflegten Orte, bis 1990 Zonenrandgebiet, mit ihrer alten eigenständigen Historie selbstbewusst in die moderne Zeit kämpfen. Alle haben es wirtschaftlich schwer. Alle finden aber auch Nischen und Alleinstellungsmerkmale.

In Hankensbüttel werden Kartoffelchips und andere Snacks produziert. Hankensbüttel hat aber auch eine Fachakademie für Augenoptik. Bei der Fahrt durch das schöne Heidedorf Steinhorst erinnerte die Gästeführerin, dass es früher in der Südheide 279 Wassermühlen gab.

Von der Landschaft und den Reiseorten waren die Teilnehmer fasziniert.

 

Heideklöster

Eine kulturelle Besonderheit sind die Heideklöster, 800 bis 1000 Jahre alt, seit der Reformation evangelisch und allesamt Frauenklöster. Sechs mittelalterliche Frauenklöster zieren wie Perlen an einer Schnur die Lüneburger Heide. Im Mittelalter von adeligen Frauen bewohnt, wurden sie während der Reformation, oft gegen erbitterten Widerstand in evangelisch-lutherische Damenstifte umgewandelt. Viele originale Gebäude und wertvolle Kunstschätze haben die Jahrhunderte überdauert.

Ein Juwel norddeutscher Backsteingotik ist Kloster Wienhausen, gegründet 1230 durch Agnes von Landsberg, Schwiegertochter Heinrich des Löwen. Wandmalereien und die weltberühmten gotischen Bildteppiche aus dem 13. bis 15. Jahrhundert sind erhalten. Heute leben im Kloster Wienhausen alleinstehende nicht mehr berufstätige Frauen (Redemptoristinnen) in klösterlicher Gemeinschaft.

Ein schönes Dorf: Wienhaisen.

 

Heideromantik

Mit 56 Hektar ist der Heilige Hain bei Wahrenholz das größte zusammenhängende Heidegebiet in der Südheide. Birkhuhn, Storch und seltene Pflanzen sind hier zu Hause. Ein Stück romantische Heide erlebte man bei einem Spaziergang durch das Naturschutzgebiet mit seinen mächtigen Wacholderbäumen. Ein alter Schafstall ist ein schöner Ruhepunkt. Dass es immer weniger Schafherden gibt, werde zum Problem für den Erhalt dieser einzigartigen Landschaft, sagte B. Preiß. Ein sonnendurchfluteter Herbsttag ging zu Ende.

Traditionsinseln

Das alte Hannover muss eine der schönsten deutschen Städte gewesen sein, ein einzigartiges Fachwerk-Ensemble. Im Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört, hat man nach dem Krieg auch hier sogenannte Traditionsinseln geschaffen. Der Spaziergang vom Neuen Rathaus, vorbei am Leineschloss, dem heutigen niedersächsischen Landtag ,vorbei an der Markthalle – Bauch Hannovers genannt – führte zum Alten Rathaus und zur Marktkirche Sankt Georgii et Jakobi. Dieses Viertel ist eine der Traditionsinseln und vermittelt einen wunderschönen Altstadt-Eindruck mitten im geschäftigen Getriebe der Großstadt. Ebenso eindrucksvoll die Ruine der Aegidienkirche, Mahnmal gegen Krieg und Gewalt.

Fassaden in Hannover.

 

Imposantes Eingangstor zur Stadt ist das Neue Rathaus. „Zehn Millionen Mark und alles bar bezahlt, Majestät“, verkündete bei der Einweihung 1913 in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. der hannoversche Stadtdirektor Heinrich Tramm. Das Neue Rathaus ist ein Stilmix aus unterschiedlichen Kunstepochen und dennoch ein harmonisches Gesamtbild. Auch auf der Rückseite zum Maschsee hin zeigt das Neue Rathaus eine prachtvolle Fassade. Es dient nicht nur der Repräsentation, sondern ist Arbeitsstätte von Oberbürgermeister, Rat und Verwaltung.   Es gehört zur Image-Werbung der Stadt, dass die Türen immer offen stehen.  

Schöne Fassaden

Echter Kontrapunkt zur niedersächsischen Landeshauptstadt war der Besuch von Celle. 70000 Einwohner, 490 Fachwerkhäuser, eine der wenigen deutschen Städte, die im Zweiten Weltkrieg völlig unversehrt geblieben sind.

Das Schloss in Celle.

 

In Celle läuft oder besser flaniert man entspannt hin und her, kommt dreimal an derselben Stelle aus und kann sich nicht satt sehen an den wunderschönen Fassaden, geschnitzten und mit goldener Inschrift verzierten Balken.

Das prachtvollste Fachwerkhaus ist das Hoppener Haus in der Poststraße / Runde Straße, 1532 erbaut. Sechs Geschosse ragen bis zum Giebel übereinander, mit phantasievollen Schnitzereien, Figuren von Standespersonen, Götter, Fratzen und Fabelwesen.

Sprechende Laternen

Von dort gelangt man zu den sprechenden Laternen, die im Rollenspiel Celler Geschichte und Geschichten erzählen, zum Celler Glockenspiel mit Figurenumlauf; Celler Adels- und Dichterpersönlichkeiten. 570 kg wiegt die gesamte Anlage, mit 16 Bronzeglocken, den fünf holzgeschnitzten Figuren und dem Umlaufkasten ein einmaliges technisches Kunstwerk. Dann steht man zum wiederholten Male auf dem weitläufigen Markt mit der schönen protestantischen Altstadtkirche.

Das Celler Schloss am Rande der Altstadt zählt zu den schönsten Schlössern der Welfen. Die Vierflügel-Anlage im Renaissance- und Barockstil ist ein strahlender repräsentativer Einstieg in die beschauliche Stadt.

Spießbürger und Zimtzicken

Abwechslungsreich war auch der letzte Tag (Busruhetag) der schönen Herbstreise. Am Morgen lernte man Gifhorn aus ungewohnter Perspektive kennen. „Von Spießbürgern und Zimtzicken – eine sprichwörtliche Stadtführung“. In lockerem Erzählton deckte die Stadtführerin Annette Redeker auf, was sich hinter vielen Redensarten verbirgt, die jeder kennt, aber kaum jemand zu deuten weiß.

Zimtzicken wurde in Gifhorn ein Denkmal gesetzt.

 

Vielfältige Mühlen

Auf diesem Hintergrund berichtete sie gleichzeitig die interessante Historie der Stadt. Wohl einzig in seiner Art ist das Internationale Mühlenmuseum in Gifhorn.  In dem  16 Hektar großen Park könnte man Tage verbringen. Hier  stehen 15 originale oder original nachgebaute Mühlen von absolutem Seltenheitswert; zum Beispiel eine Donau-Schiffmühle aus Ungarn, Mühlen aus Portugal, Frankreich, Griechenland.

Zwischen großartigen historischen Mühlen lässt sich in der

großzügigen Museumsanlage schön spazieren.

 

In der 800 Quadratmeter großen Ausstellungshalle sind über 40 funktionstüchtige Modelle zu bewundern, Spannend auch die Entstehungsgeschichte: Eine alte Bockwindmühle und die Begegnung mit dem Müller faszinierte den Designer Horst Wrobel und sollte ihn nicht mehr loslassen. Das war 1965. Fortan reiste und forschte er, baute Modelle im Maßstab 1:25 und entwickelte sich zum Mühlenexperten. Damals titelte eine Zeitung: „In seinem Schlafzimmer klappern Windmühlen“.