In einer Broschüre des AWO-Bezirksverbandes Mittelrhein wurden starke Frauen aus der Arbeiterwohlfahrt vorgestellt. Ein Interview führte die Redakteurin Ilsolde Weber mit der stellvertretenden AWO-Ortsvereinsvorsitzenden Ursula Foitzik aus Merkstein. Die Vorstellung von Ursula Foitzik und das Interview geben wir hier wieder.

Ursula Foitzik
„Am allerwichtigsten ist es, für die Leute da zu sein“

 

Geboren am 31. Juli 1945 in Chemnitz,    
lebt in Herzogenrath

Ausbildung: Fleischereifachverkäuferin

seit 2007 Mitglied im Kreisvorstand der AWO Aachen-Land
1997 Verdienstmedaille der AWO,
2007 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

Stellvertretende Vorsitzende des AWO-Ortsvereins Herzogenrath-Merkstein, der mit 600 Mitgliedern zu den größten im Bezirk Mittelrhein gehört.

Die komplette Broschüre, in der mehrere hauptamtlich und ehrenamtlich wirkende Frauen vorgestellt werden, kann bestellt werden zum Kostenbeitrag von 5 Euro beim AWO-Bezirksverband Mittelrhein. Die Mailadresse lautet: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Red.: „Frau Foitzik, der Ortsverein Herzogenrath-Merkstein ist einer der mitgliederstärksten Ortsvereine im Bezirksgebiet. Sie sind seit 20 Jahren zweite Vorsitzende im OV. Wie sind Sie zur AWO gekommen?“

Foitzik: „Ich bin seit 1970 bei der AWO Mitglied. Ich bin da durch meine Mutter reingeschlittert. Sie sagte eines Tages: „Wir brauchen noch eine stellvertretende Schriftführerin, komm, das kannst du machen, das ist nicht so viel Arbeit“. Die AWO war aber schon immer Teil meines Lebens. Im Oktober 1951 kam meine Mutter mit Mann und Kindern illegal über die deutsch-deutsche Grenze. Als mittellose Flüchtlinge hatten wir hier einen schweren Start. Über die AWO fand sie erste Kontakte und Hilfe. Ich selbst kam im Alter von 13 Jahren in engeren Kontakt mit der AWO, ich durfte an einer Kinderverschickungsmaßnahme teilnehmen.“

Red.: „Was ist Ihre Aufgabe in der AWO?“

Foitzik: „Heute betreue ich im Ortsverein zwei Seniorengruppen, seit 28 Jahren habe ich dienstags und mittwochs die Frauennachmittage. Da ist jede Menge zu organisieren, wir haben dort Gruppen von 40 bis 50 Leuten. Die kenne ich alle, ich bin so etwas wie eine Vertraute. Ich bin auch Kassiererin, das heißt, ich gehe bei der Haus- und Straßensammlung zu unseren Mitgliedern und ich besuche regelmäßig unsere Senioren zu ihren Geburtstagen.

Am allerwichtigsten ist esfür die Leute da zu sein. Als ich vor zwei Jahren beide Arme gebrochen hatte, konnte ich meine Gruppen nicht betreuen, da haben die AWO-Frauen mich abgeholt und gesagt, Ursula, du musst kommen, du musst ja nicht helfen, die Hauptsache ist, du bist da.“

Red.: „Was ist das Besondere an der AWO?

Foitzik: „Der Zusammenhalt, die Reisen, die Kuren mit der AWO. Die Unterstützung für Leute, die sich sonst wenig leisten können. Leider gibt es noch wenige Migrant*innen in den Ortsvereinen, doch wir suchen den Kontakt und ermutigen sie eigene Gruppen aufzubauen.

AWO-Beziehungen laufen immer von Frau-zu-Frau. Ich habe meine Schwiegertochter auch schon in den OV eingeschleust. Die Familien sind alles in der AWO. Meine Enkel waren schon durch die Familienmitgliedschaft von Geburt an bei der AWO mit dabei.

In der praktischen ehrenamtlichen Arbeit sind hauptsächlich Frauen. Die Männer helfen beim Aufbau für Feste etc. Dann werden auch die Söhne eingespannt.“

 Red.: „Welche Begebenheit hat sie besonders beeindruckt?“

Foitzik: „Ich war gerade 2. Schriftführerin im OV. Wir sind mit 3 Kindern nach Sulzfeld in ein AWO Familien-Ferienangebot gefahren. Wir wurden mit 5 Personen in einem kleinen Zimmer ohne Kleiderschrank untergebracht. Unser jüngster Sohn war damals gerade 3 Jahre alt. Als ich mich bei unserem damaligen KV-Vorsitzenden darüber beschwert habe, hat der mich furchtbar abgekanzelt. Damals bin ich fast aus der AWO ausgetreten. Aber die Anderen haben mich davon abgehalten und dann habe ich weiter gemacht.“

Red.: „Ist eine 100-jährige Organisation alt?“

Foitzik: „Kommt darauf an. Es werden immer wieder neue Dinge aufgenommen, wir bleiben ja aktuell. 100 ist ja nur eine Zahl. Uns fehlt die Jugend. Die jungen Leute fragen immer „was habe ich von einer Mitgliedschaft, was habe ich für Vergünstigungen?“ Uns fehlt das „Mittelalter“, Leute zwischen 40 und 50, aber die haben eben auch viel Stress und wenig Zeit, sich in der AWO zu engagieren.“

Red.: „Ist AWO weiblich?“

Foitzik: „Eher nicht. Das Sagen haben die Männer. Außer Frau Ruland, die Vorsitzende vom Bezirksverband. Man muss nur auf die Anwesenheitsliste bei den Gremien sehen, da sind mehr Männer als Frauen. Im Altenclub sind 30 – 40 Frauen. Früher waren da auch Männer, aber die wurden von den Frauen weggeschickt, weil die beim Kartenspielen immer so laut waren. Im Frühstückstreff haben wir ein paar Männer.

Unser Müttertreff und die Krabbelgruppen sind leider eingeschlafen, weil in unserem Einzugsgebiet mittlerweile zu wenige Kinder leben.“

Red.: „Wo sehen Sie die AWO 2019?“

Foitzik: „Die AWO steht noch eine Weile. Wir planen ja heute schon unsere Fahrten für die Zukunft. Schwierig wird es, wenn ein Ortsverein aufgelöst werden muss. Die Leute lassen sich nicht gerne einen neuen Vorsitzenden vor die Nase setzen. Ehrenamtliche Arbeit ist ja auch eine Verpflichtung. Wenn man im Ehrenamt Verantwortung übernimmt, dann muss man auch immer parat stehen.“

Red.: „Wo sehen Sie die AWO 2029?“

Foitzik: „Ich weiß es nicht. Dann bin ich 84. Vielleicht leite immer noch die Seniorengruppen? Man kann immer nur hoffen, dass alles gut geht.“

 Red.: „Möchten Sie der AWO etwas mit auf den Weg geben?“

Foitzik: „Wir haben zu wenig Jugend. Ich wünsche mir, dass vom Jugendwerk mehr in den Ortsvereinen ankommt. Früher habe ich selbst dreiwöchige Ferienmaßnahmen für Jugendliche von 6 – 13 Jahren durchgeführt. Heute ist es schwieriger geworden, Ferienmaßnahmen anzubieten, aber sie sind wichtig. Sprachreisen treffen zu wenige Kinder. Gerade die geringverdienenden Familien brauchen Ferienmaßnahmen. Schließlich kann man darüber auch neue AWO-Ehrenamtliche gewinnen.“